Wir reden drüber! Psychische Erkrankungen im vietnamesischen Berlin

 

Ausgangssituation

Personen vietnamesischer Herkunft sind im Vergleich zu anderen Migrationsgruppen in den ambulanten, auch migrantengruppenübergreifenden Einrichtungen der psychosozialen und psychiatrischen Gesundheitsversorgung Berlins deutlich unterrepräsentiert. Dies hat zur Folge, dass sie oft mit bereits chronischen Krankheitsverläufen im psychiatrisch-stationären Bereich in Erscheinung treten. Neben der sprachlichen Barriere ist der Zugang aufgrund der Stigmatisierung von psychischer Behinderung innerhalb der vietnamesischen Bevölkerungsgruppe enorm erschwert.

Die Eröffnung der vietnamesischsprachigen Spezialambulanz der Psychiatrie der Charité am Campus Benjamin Franklin im Jahr 2010 sowie einer weiteren vietnamesischsprachigen Sprechstunde in der PIA im KEH im Jahr 2013 haben dazu geführt, dass über 420 Patient*innen das psychiatrische Versorgungssystem erreichten. Drei Träger bieten zudem komplementäre Hilfen mit vietnamesischsprachigen Fachkräften. Durch die gute Zusammenarbeit aller Akteure im Netzwerk „Seelische Gesundheit von vietnamesischen Migrant*innen“ seit 2013 wurde ein „Hilfenetz“ aufgebaut, das von der niedrigschwelligen Migrationsarbeit über die psychiatrische bis hin zur psychosozialen Versorgung im Betreutes Einzelwohnen u. ä. reicht.

Die Erfahrungen zeigen allerdings, dass Betroffene immer noch zu spät ärztliche Hilfe aufsuchen, wenn die Erkrankungen bereits vorgeschritten sind, so dass die Behandlungs- und damit die Teilhabechancen eingeschränkt sind. Bei denjenigen, die bereits vom Hilfesystem erreicht worden sind, zeigt sich, dass sie und ihre Angehörigen ihre Situationen ihrer (vietnamesischen) Umgebung aufgrund von Scham und Angst vor Diskriminierung verschweigen bzw. sich völlig aus ihren sozialen Communitiezusammenhängen zurückziehen. Abhängigkeiten von Alkohol oder Glücksspiel, die in den vietnamesischen Communities durchaus eine nennenswerte Rolle spielen, wird nicht als behandelbare Erkrankung angesehen. Betroffenen Familien suchen mit ihren „Problemen“ keine Hilfe von außen, sondern bleiben lieber unter sich.

 

Zielgruppe

Direkte Zielgruppe des Projekts ist die vietnamesischsprachige erwachsene Bevölkerung Berlins, mit und ohne psychische Behinderung. Nach Angaben des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg leben in Berlin 19.360 Personenüber 18 Jahre mit vietnamesischem Migrationshintergrund, die rund 68 % von insgesamt 28.276 Personen ausmachen.

Bei der indirekten Zielgruppe handelt es sich um haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter*innen in den Bereichen Migrationsarbeit, Eingliederungshilfe für seelische Behinderte, Jugendhilfe, Medizin sowie Kitas und Schulen, die unmittelbar mit vietnamesischen Migrant*innen arbeiten. Sie stellen wichtige Multiplikator*innen dar, um von psychischer Behinderung betroffene bzw. gefährdete Personen zu erreichen.

 

Ziele

Das Projekt arbeitet mit Wirkungszielen. Angestrebt wird auf der gesellschaftlichen Ebene (Impact), dass das Projekt zu einem offenen Umgang innerhalb der vietnamesischen Communities mit psychischen Erkrankungen, Abhängigkeitserkrankungen und psychischer Behinderung in Berlin beiträgt.

Dazu sollen folgende Wirkungsziele, entsprechend den Veränderungen bei der direkten Zielgruppe, erreicht werden (Outcomes):

  • Aktiv an dem Projekt beteiligte vietnamesischsprachige Erwachsene haben Wissen über psychische Erkrankungen, deren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten erworben
  • Sie kennen entsprechende Unterstützungssysteme
  • Sie suchen bei Bedarf entsprechende Anlaufstellen auf
  • Angehörige und/oder selbst Betroffene sind in der Lage, über eigene Erfahrungen offen zu sprechen
  • Die Teilhabe von Menschen mit psychischer Behinderung inner- und außerhalb der vietnamesischen Communities ist verbessert

 

Projektinhalte

Methodisch ist das Projekt sowohl online als auch offline aufsuchend tätig. Das heißt, es werden „Orte“ gezielt aufgesucht, um Informationen zu streuen, mögliche Betroffene zur Inanspruchnahme von Hilfen zu motivieren und dabei zu begleiten. Diese Orte umfassen einerseits Begegnungsstätten von vietnamesischen Kulturvereinen, bestehende Gruppen, Religionsgemeinden und Facebook-Gruppen anderseits. Das Projekt folgt dabei einem partizipativen Ansatz; es wird nicht FÜR die Zielgruppe, sondern MIT der Zielgruppe gemeinsam aufgebaut. Besonders Menschen mit seelischer Behinderung und ihre Angehörigen vietnamesischer Herkunft werden stark beteiligt. Der Zugang zu ihnen wird über die Partnerorganisationen im Netzwerk „Seelische Gesundheit von vietnamesischen Migrant*innen“ ermöglicht.

 

Geplant sind folgende Aktivitäten in der Laufzeit vom Juli 2020 bis Juni 2015:

Informationsarbeit

  • Infoveranstaltungen an vietnamesischen Orten in Lichtenberg zu den Themen Psychische Gesundheit, Stressbewältigung, Sucht u. a. in vietnamesischer Sprache
  • Regelmäßige Veröffentlichungen von Fachinformationen auf dervietnamesischsprachigen Website des Netzwerks „Seelische Gesundheit von vietnamesischen Migrant*innen“
  • Vietnamesischsprachige Telefonhotline für Ratsuchende

 

Aufsuchende Arbeit in Sozialen Medien

  • Aufbau einer geschlossenen vietnamesischsprachigen Facebook-Gruppe, die insbesondere Personen mit psychischen Erkrankungen und ihre Angehörige sowie Personen mit einem Erkrankungsrisiko einen Austausch im geschützten Raum ermöglicht
  • Aufsuchende Arbeit zur Information und Orientierungsberatung in Sozialen Medien (vor allem vietnamesischsprachige Facebook-Gruppen)

 

Selbsthilfegruppe

  • Aufbau einer Selbsthilfegruppe von Angehörigen psychisch behinderter Menschen

 

Netzwerk-/Öffentlichkeitsarbeit

  • Gewinnung von namenhaften Schlüsselpersonen der vietnamesischen Communities (Unternehmen, Religionsgemeinschaften u. a.) als Partner
  • Erstellung und Verteilung eines zweisprachigen Flyers zu bestehenden muttersprachlichen Unterstützungsangeboten für Menschen mit psychischer Erkrankung
  • Zusammenarbeit mit dem Netzwerk „Seelische Gesundheit von vietnamesischen Migrant*innen“

 

Kontakt:

Nozomi Spennemann (Projektleitung) nozomi.spennemann@via-in-berlin.de; Tel 030 2900 6948
Hang Hoang (Projektmitarbeiterin, zuständig u. a. für Anfragen auf Vietnamesisch) hang.hoang@via-in-berlin.de

 

Das Projekt wird gefördert von